STREIT 1/2026
S. 47
Awa Fall-Diop erhält den Anne-Klein-Frauenpreis 2026
Awa Fall-Diops Lebensweg steht für den langen Aufbruch der Frauen Senegals zu Freiheit und Selbstbestimmung. Geboren noch vor der Unabhängigkeit 1956, wuchs sie in einem Arbeiterviertel Dakars auf – geprägt von Solidarität, aber auch von tief verwurzelten patriarchalen Strukturen. Sie erlebte früh geschlechtsspezifische Gewalt und Ausgrenzung und sah, wie ihre Mutter als Witwe verstoßen wurde – und es dennoch schaffte, als erste Frau ihres Viertels einen eigenen Haushalt zu führen. Dieses Aufwachsen mit Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, prägte Awa Fall-Diops von klein auf.
Als panafrikanische Feministin setzt sie sich seit Jahrzehnten für Geschlechtergerechtigkeit ein, oft geschah dies auch auf Kosten ihrer persönlichen Freiheit. Ob als Lehrerin, Gewerkschafterin, Mitgründerin zahlreicher Frauenrechtsorganisationen oder als Ministerin – ihr Feminismus gilt den Benachteiligten und baut Brücken zu den jungen Feministinnen Afrikas.
Ihr jahrelanger Kampf für Emanzipation und Mitbestimmung hatte aber auch seinen Preis. Ihre öffentliche Forderung nach dem Rücktritt des Präsidenten Abdou Diouf brachten ihr eine zweimalige Haft, öffentliche Demütigungen und beinahe die Entlassung aus dem Staatsdienst ein. Ihre Ernennung zur Ministerin nach dem Wahlsieg des Oppositionsführers Abdoulaye Wade im Jahr 2005 war eine späte Anerkennung ihres Engagements. Heute gilt Awa Fall-Diop als eine renommierte Gender-Expertin des frankophonen Afrikas.
Die Jury des Anne-Klein-Frauenpreises ist tief beeindruckt von Awa Fall-Diops lebenslangem Mut in Institutionen, in der Politik und in gesellschaftlichen Bewegungen, um den Realitäten von Frauen und marginalisierten Gruppen Gehör zu verschaffen und überkommene Strukturen offen in Frage zu stellen. In einer Gesellschaft, in der die Feindseligkeit gegenüber Frauen zunimmt und konservative Normen neuen Zuspruch finden, bleibt Awa Fall-Diop kompromisslos feministisch. Sie stellt tief verankerte Narrative in Frage und fordert gesellschaftlichen Wandel – unbeirrt und trotz aller Widerstände.
Die Jury würdigt mit der Vergabe des 15. Anne-Klein-Frauenpreises der Heinrich Böll Stiftung an Awa Fall-Diop nicht nur die feministischen Kämpfe im Senegal und in ganz Westafrika, sondern bekräftigt, dass diese Bewegungen weder isoliert noch vergessen sind und dass ihr Kampf für Gerechtigkeit über die nationalen Grenzen hinaus, auch in Deutschland, Resonanz findet.
Aus der Begründung der Jury, 3.12.2025, www.boell.de