STREIT 2/2026
S. 93-95
Bericht vom 50. Feministischen Jurist*innentag 2026 in Hamburg
Svenja Kantelhardt und Stella Westenhoff waren Teil der Organisationsgruppe (Orgagruppe) für die Vorbereitung des 50. FJT. Da der FJT 1978 begründet wurde (damals noch als Jurafrauentreffen), werden wir das Jubiläum „50 Jahre FJT“ im Jahr 2027 feiern.
Die Vorbereitung: Von Gegenwind aus dem Ministerium zu solidarischem Rückenwind
„Komm lass dir nicht erzählen,
was du zu lassen hast.
Du kannst doch selber wählen.
Nur langsam, keine Hast.“
Mit diesen Worten aus Angi Domdeys „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ eröffneten die entschlossenen Stimmen von rund 350 FJTler*innen am Freitagabend den 50. FJT im Auditorium der Bucerius Law School in Hamburg.
Doch nur wenige Wochen zuvor hätten Angi Domdeys Zeilen für uns als Orga-Team nicht unpassender sein können. Alles fühlte sich danach an, als wolle man uns erzählen, was wir zu lassen haben: die Durchführung des Jubiläums-FJT in Hamburg.
Zum ersten Mal in der Geschichte des FJT verweigerte das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) die Förderung.1
Eine Förderung, mit der wir fest gerechnet hatten. Mit einer fadenscheinigen Begründung: es hätte eine Veränderung in der Prioritätensetzung gegeben. Welche Prioritäten in Zeiten steigender Femizide und sexueller Übergriffe die richtigen wären, ließ das Ministerium dabei offen.2
Getreu hanseatisch nach dem Motto wat mutt, dat mutt, planten wir jedoch schnell um – zunächst deutlich kleiner. Mit der Veröffentlichung der Absage kam allerdings schnell die Empörung und mit ihr die Solidarität. Dank unfassbar vieler großzügiger Einzelspenden konnten wir den FJT wieder in sicheres Fahrwasser bringen und einen angemessenen Jubiläums-FJT auf die Beine stellen.
Tag 1: Kurse gesetzt, Banner gehisst, Leinen los für den 50. FJT!
Nachdem das Programm stand, die letzten Tagungsmappen gefaltet, die Festzine3
gedruckt und die Banner bemalt waren, konnte es losgehen.
Am Freitagnachmittag zeigte sich die Hansestadt von ihrer sonnigsten Seite und bot die idealen Bedingungen für ein jubiläumswürdiges Rahmenprogramm, bestehend aus einem Stadtspaziergang zu jüdischem Leben in Hamburgs Grindelviertel, einer queeren Kieztour in St. Pauli und einer feministischen Hafenrundfahrt auf der Barkasse „Tanja“.
Parallel dazu boten Prof´in Dr. Sibylla Flügge und Sarah Wichmann eine FJT-Einführung für Neueinsteiger*innen an und gaben einen konzentrierten Überblick über Entwicklung des FJT, von seiner Gründung als Jurafrauentreffen 1978, über die Strukturdebatte 2004 bis hin zu heutigen Strukturen.
Es folgte ein Einführungsworkshop von Svea Holst und Lisa Klütz zu kontroversen Debatten des FJT, in dessen Rahmen diverse Ausrichtungsfragen (u. a.: Praxisorientierung vs. Wissenschaft; konservativer vs. linksradikaler Feminismus; Öffnung für FLINTA und Nichtjuristinnen; Unabhängigkeit von staatlicher Förderung) diskutiert wurden.
In der Eröffnungsveranstaltung am Abend wurde zunächst das vom Awareness-Team über Wochen erarbeitete Awareness-Konzept vorgestellt. Nach einer Einführung von Prof´in Dr. Sibylla Flügge diskutierten dann Doris Liebscher, Malin Bode, Ina Feige, Dr. Donja Hodaie und Prof´in Dr. Cara Röhner – moderiert von Zita Küng – über die Bedeutung des FJTs und über die Notwendigkeit neuer Strategien angesichts des globalen Rechtsrucks. Mit dem STREIT-Sektempfang endete der Abend festlich.
Tag 2: Der 50. FJT nimmt Fahrt auf
Am Samstag starteten wir um 9 Uhr mit einem vielfältigen Programm. Dr. Regine Winter gab einen Überblick über die EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Katrin Niedenthal und Nick Markwald, M.A. klärten über die Folgen der Rechtsprechungsänderung des BSG in Bezug auf Kostenübernahme von TIN*-Krankenversicherten auf. Daneben eröffnete Prof´in i.R. Dr. Theresia Degener Perspektiven der Legal Disability Studies auf reproduktive Gerechtigkeit. Alena Rathke machte in ihrer AG auf das feministische Potential der eingetragenen Genossenschaft durch Ermöglichung von Selbsthilfe aufmerksam. Prof´in Dr. Sandra Hotz und Fiona Behle widmeten sich dem bislang wenig beleuchtet Thema der Gewalt bei der Geburt und beleuchteten dabei rechtsvergleichende Ansätze. Darüber hinaus zeigte Dr. Dorothy Makaza-Goede am Beispiel der IOC-Regeln zu SRY-Gentests im Leistungssport auf, wie biologistische Geschlechterkonzepte und rechtliche Regelungen zu intersektional rassifizierten Ausschlüssen führen. Nina Grasse arbeitete in ihrer AG heraus, wie Datenschutzrecht geschlechtsspezifische und intersektionale Ungleichheiten verstärkt, etwa durch problematische Einwilligungen und Überwachung und diskutierte Lösungsansätze. Schließlich bot Ronska Grimm Einblicke aus erster Hand in (bereits veröffentlichte) Reformbestrebungen der StPO im Hinblick auf die Nebenklage.
Nach einer kurzen Franzbrötchenstärkung ging es weiter mit dem zweiten AG-Block. Jo Lücke, Gründerin der Liga für unbezahlte Arbeit (LUA e.V.), referierte zur Aufnahme von Care-Arbeit ins Grundgesetz (Fürsorgeverantwortung als Diskriminierungsmerkmal in Art. 3 Abs. 3 GG). Prof´in Dr. Kirsten Scheiwe zeigte Vorteile und Gefahren eines genderneutralen Familienrechts auf. Sarah Giese referierte zur Umsetzung der Istanbul-Konvention im Aufenthalts- und Asylrecht. Esther Kleideiter und Sophia Härtel führten ins soziale Entschädigungsrecht ein und befassten sich mit der Frage, wie Gesundheitsschäden nach sexuellem Missbrauch nachgewiesen werden können. Dr. Verena Kahl diskutierte die Verknüpfung von Klimawandel und Geschlecht. Dr. Hannah Kiel ordnete „SLAPPs“ (Strategische Prozessführung gegen die öffentliche Beteiligung) als Bedrohung für feministische Diskurse ein. Schließlich teilten Dr. Doris Liebscher und Nina Schröder ihre Praxiserfahrungen zum Antidiskriminierungsrecht auf Länderebene und klärten über aktuelle Entwicklungen unter Bezugnahme auf einen vorgelegten Entwurf zur Änderung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) und zur Umsetzung der EU-Richtline auf.
Es folgte eine wohlverdiente Chili-sin-Carne-Mittagspause, die Gelegenheit zum Austausch und Diskussion der AG-Themen bot. Das zwischenzeitlich aufgezogene norddeutsche Nieselwetter konnte uns nicht davon abhalten, den Campus der Bucerius Law School mit unseren gelb-blauen Jubiläumsschals, die das Merch-Team für uns gestaltet hatte, bunt aufleuchten zu lassen.
Nach der Pause ging es weiter mit dem nächsten AG-Block. Prof´in Dr. Anna Katharina Mangold ordnete eine Weigerung kirchlicher Krankenhäuser zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen verfassungsrechtlich ein. Friederike Boll und Prof´in Dr. Cara Röhner berichteten über eine Verfassungsbeschwerde gegen das Ruhen der Stufenlaufzeit während der Elternzeit im öffentlichen Dienst. Zümrüt Turan-Schnieders, Sabine Heinke, Ina Feige und Nadine Maiwald organisierten einen Austausch zu Kindschaftsrecht und häuslicher Gewalt. Das Justice Collective berichtete von Prozessbeobachtungen von Strafprozessen in Berlin und zeigte auf, wie migrantische Frauen in Prozessen diskriminiert werden. In einem bis an den Rand mit Beamtinnen gefüllten Saal klärten Hannah Voß und Vivian Kube von „Frag den Staat“ in ihrer AG zu Widerstandsmöglichkeiten in der Verwaltung über falsch verstandene Neutralitätspflichten auf. Dr. Theresa Tschenker referierte zum Streikrecht in frauen*dominierten Bereichen der Krankenpflege und Kindererziehung. Für die Völkerrechtsinteressierten beleuchtete Dr. Donja Hodaie Genderapartheid (geschlechtsspezifische Verfolgung und Segregation) im Völkerstrafrecht.
Während der darauffolgenden Kaffeepause füllten sich die im Foyer aufgestellten Stellwände mit Fachstellungnahmen und Unterschriften, die im anschließenden Zwischenplenum rege diskutiert wurden. Danach gab es ein Get-together mit der STREIT-Redaktion, bei dem unter anderem diskutiert wurde, wie die feministische Rechtszeitschrift STREIT und damit die Inhalte des FJT besser bekannt gemacht werden können.
Am Abend durfte eine angemessene Jubiläumsgeburtstagsparty natürlich nicht fehlen. Hierfür verwandelte die Party-AG das Cafe Schöne Aussichten im Planten un Blomen Park in die perfekte FJT-Partylocation – geschmückt mit Luftballons, „Feuer und Flamme dem Patriarchat“-Bannern und ausgestattet mit einer Candy-Bar. Daneben sorge DJane Lea mit Musik von FLINTA-Künstlerinnen dafür, dass die Tanzfläche den ganzen Abend über gefüllt war.
Tag 3: Volle Kraft voraus
Am Sonntag ging es morgens weiter mit zwei Workshop-Slots. Für an der rechtsberatenden Praxis Interessierte teilten Giulia Borsalino und Antonia Sturma Erfahrungen zur Kanzleigründung; außerdem gaben Ina Feige und Susanne Pötz-Neuburger Tipps, wie man eine Kanzlei langfristig am Laufen hält, während Theda Gienke Interessent*innen Einblick in die Nebenklagevertretung bot. Die Nebenklage war darüber hinaus auch Gegenstand des Workshops von Nadine Maiwald, in dem die Bedeutung der Nebenklage für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt diskutiert wurde. Ebenfalls mit Themen der Rechtsberatung befassten sich der Workshop von Selina Theresa Sellemerten und Maria Kröpfl zur praktischen Umsetzung von access needs in der Rechtsberatung sowie der Workshop von Konstantina Raptis, Karla Steeb und Lilith Rein über ihre Arbeit in der Feminist Law Clinic, einer kostenlosen feministischen Rechtsberatung. Daneben bot Jacqueline Sittig einen rege besuchten Workshop zur hochaktuellen Thematik bildbasierter sexualisierter Gewalt an. Für einen besonderen Moment der Verbundenheit sorgte Zita Küng mit ihrem Workshop „Wie reagiere ich auf eine antifeministische Äußerung?“, in dem alle Teilnehmenden übergriffige Situationen aus ihrem Leben schildern durften, über die sich gemeinsam empört und Antwortmöglichkeiten entwickelt wurden (Geheimtipp: mit einem Zweisilber wie „potzblitz“ für Irritation sorgen).
Außerdem fanden Austausche zu „Juristinnen aus nichtakademischen Haushalten“, moderiert von Anna Plattner, zu „Die nächsten 50 Jahre FJT – Wofür kämpfen wir?“, moderiert von Farnaz Nasiriamini, Rebecca Militz und Bernadette Lumbela und zu „Unterschiedliche Situation von Juristinnen in Ost- und Westdeutschland“, moderiert von Susette Jörk, statt.
Ein weiteres Highlight stellte außerdem der Moot Court, organisiert von Zümrüt Turan Schnieders und Prof´in Dr. Berit Völzmann, dar, in dem am Sonntagvormittag ein familiengerichtliches Verfahren zum Kindschaftsrecht praxisnah simuliert und diskutiert wurde.
Das Abschlussplenum wurde eingeleitet mit Grußworten von Prof´in Dr. Henrike von Scheliha, die den FJT an die Bucerius Law School eingeladen hatte. Angesichts der neuen Situation, dass wir in Zukunft nicht mit einer finanziellen Förderung durch das Bundesministerium rechnen können, wurden AGs zur langfristigen Finanzierung des FJT sowie zur Öffentlichkeitsarbeit gegründet.
Ausblick: Neue Ufer in Sicht
Wie schon beim 49. FJT in Halle angekündigt, soll nächstes Jahr der 51. FJT in Wien stattfinden. Für das Jahr danach wurde die Idee geäußert, dass eventuell kleinere Städte im Osten Deutschlands den FJT gemeinsam ausrichten könnten.
Wir Hamburger*innen sagen erstmal „Tschüss“ und wünschen dem FJT weiterhin kräftigen Rückenwind!
- Veranstalterin und Antragstellerin war, wie immer seit 1985 – mit Ausnahme der Jahre 2016 (Wien) und 2024 (Berlin) – der Verein „Frauen streiten für ihr Recht e.V.“ (STREIT). ↩
- Siehe die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Linken, BT-Drs. 19/17713, in diesem Heft, S. 94 ff. ↩
- Festzine: Eine Sammlung aus Materialien der letzten 49 Feministischen Jurist*innentage, zusammengestellt von Svea Holst, Lisa Klütz und Prof´in Dr. Hannah Ofterdinger. ↩